Die gestrigen Schiedsrichter-Fehlentscheidungen im Spiel Deutschland gegen England sowie Argentinien gegen Mexiko brachten die Diskussionen um den Videobeweis wieder an die Oberfläche. Das Aufkommen und die Intensität der Diskussionen liegen wohl in der Wichtigkeit des Spieles (Achtelfinale einer Weltmeisterschaft) als auch der Klarheit der Fehlentscheidung begründet. Seither argumentiert die Fußballwelt wieder über Sinn und Unsinn des Videobeweises und wie er in der Praxis umsetzbar wäre.
Persönlich bin ich bereits lange für die Einführung eines Videobeweises. Durch meine Affinität zum US-Sport habe ich diesen nur positiv kennengelernt. Ein für mich wichtigerer Punkt ist jedoch die Gerechtigkeit, die aktuell durch nicht nachvollziehbare Entscheidungen mit Füßen getreten wird. Nebenbei sollte man sich dabei in Erinnerung behalten, dass Fußball zum Einen noch immer ein Spiel ist, welches in erster Linie Spaß bieten soll und fair und gerecht abzulaufen hat. Zweitens haben diverse Strömungen im Fußball aufgrund der Popularität Auswirkungen auf die Gesellschaft. Fußball ist eine Art „Role Model“ – und da ist eine klare Ungerechtigkeit, welche nicht „korrigiert“ wird, nicht unbedingt das beste Vorbild. Drittens wurde der Sport in der Zwischenzeit auch ein Millionen-Geschäft an welchem Existenzen und Arbeitsplätze hängen, die sich durch Fehlpfiffe (verpassen eines Europacup-Bewerbes oder Aufstieges) entscheidend verändern könnten.
ALTERNATIVEN
Bevor ich zum Videobeweis komme, den ich als letzte Instanz einer Entscheidungsfindung betrachte, sollten jedoch vorher andere Möglichkeiten angedacht werden. Bereits letzte Saison wurde ja in der Europa League der Einsatz von zwei weiteren Assistenten, welche an der Toroutlinie stehen, getestet. Diese sollen den Hauptschiedsrichter bei strittigen Tor/Nicht-Tor-Entscheidungen (Ball über der Linie) aber auch bei strittigen Strafraumsituationen unterstützen.
Ich betrachte diese Idee grundsätzlich positiv, wenn die Assistenten entsprechende Kompetenzen haben, eine Entscheidung des Head-Referees auch zu overrulen. In der Praxis waren meine Erfahrungen letztes Jahr jedoch negativ. Es gab in der Europa League einige strittige Entscheidungen, in welchem nie ein Tor-Assistent eingeschritten ist. Persönlich konnte ich mich bei den Auftritten der Wiener Austria davon überzeugen, als z.B. ein eindeutig von der Mauer abgefälschter Freistoß (bei welchem der Assistent 2 Meter danebenstand) mit Abstoß gewertet wurde.
Die Idee eines zweiten Hauptschiedsrichters mit Feldteilung betrachte ich eher skeptisch. Wer hat dann die letzte Entscheidungsgewalt? Muss dies dann von den beiden besprochen werden, kommt es zur Unterbrechung des Spielflusses (dazu später mehr).
Das End-Problem an allen „menschlichen“ Lösungen liegt jedoch in der Tatsachenentscheidung. Die gestrigen Fehl-Entscheidungen sind nicht Ursache eines mangelnden Könnens – es waren schlichtweg Blackouts der Assistenten. Beim Tor von Frank Lampard hatte der Assistent völlig freie Sicht auf den Ball. Um diese Blackouts zu vermeiden bzw. zu overrulen, hilft mir nur bedingt ein vierter oder fünfter Schiedsrichter. Eine Abseitsentscheidung kann ein Torlinien-Assistent oder ein zweiter Hauptschiedsrichter aufgrund seines Winkels nicht beurteilen. Dazu würde nur ein zweiter Assistent auf der gegenüberliegenden Outlinie helfen – was jedoch, wenn einer die Fahne hebt und der andere nicht? Wer hat Recht?
TECHNISCHE VORAUSSETZUNGEN
In den grossen Profiligen sowie im internationalen Bewerb sind alle Schiedsrichter mittels Headset verbunden und kommunizieren laufend untereinander. Ob da nun vier, fünf oder acht Schiedsrichter dranhängen ist technisch völlig unbedeutend. Ebenso wird bereits jedes Spiel dieser Bewerbe mit mehreren Kameras aufgezeichnet und sind Zeitlupen Bruchteile nach der Aktion abrufbar. Technisch ist mehr für den Videobeweis nicht nötig.
DIE THEORIE EINER PRAKTISCHEN UMSETZUNG
Ich spiele nunmal FIFA-Präsident und führe den Videobeweis ein (den tatsächlichen Vorgang über die Gremien, das Regelboard etc. blende ich mal aus):
Wo soll der Videobeweis eingesetzt werden?
Verpflichtend würde ich ihn bei WM, EM (bzw. anderskontinentalen gleichartigen Bewerben), den entsprechenden Qualifikations-Spielen, Champions-League, und Europa-League einsetzen. Weiters würde ich es jedem nationalen Verband selbst überlassen, ob dieser ihn in seinen Ligen und in welchen Klassen einsetzen will (mehr dazu später).
Was soll überprüft werden können?
Alle Tor-Entscheidungen:
- Ball über der Linie
- Tor aus Abseitsstellung
- Tor durch Handspiel
Weiters auch alle groben Unsportlichkeiten (Tätigkeiten), welche sich nicht im Blickwinkel des Schiedsrichters ereigneten.
Wie soll der Ablauf bei Anwendung des Videobeweises sein?
Für den Videobeweis ist ein Oberschiedsrichter verantwortlich, welcher am Besten im Stadion einen Bildschirm beobachtet und umgehend Zeitlupen von strittigen Entscheidungen abrufen kann. Der Oberschiedsrichter ist mit dem Hauptschiedsrichter per Funk ständig verbunden und hat die Kompetenz, diesen bei obigen Situationen zu overrulen.
Fällt nun ein Tor aus einer derart strittigen Situation, greift der Video-Schiedsrichter die Zeitlupen ab und funkt seine Ergebnisse an den Referee aufs Feld. Dies dauert in der Regel maximal eine Minute.
Ist die Tatsachenentscheidung des Hauptschiedsrichters nicht durch die Zeitlupen eindeutig widerlegbar, steht diese Entscheidung.
Bei Tätlichkeiten verhält es sich derart, dass diese dem Hauptschiedsrichter angezeigt werden. Sollte er die Aktion nicht selbst beobachtet haben, obliegt es ihm, den Spieler vom Platz zu stellen. Hier habe ich keinen zeitlichen Druck – ob die rote Karte in zwei oder vier Minuten ausgesprochen wird, macht keinen Unterschied – führt jedoch zu einem Lerneffekt bei den Spielern.
WAS DIE GEGNER SAGEN
Behauptung: Die FIFA argumentiert in erster Linie, dass die Regeln von der obersten Profi- bis zur untersten Amateur-Liga einheitlich sein sollen.
Gegendarstellung: Die Regeln werden durch den Videobeweis nicht geändert. Auch in der letzten Amateurklasse ist ein Abseits weiterhin ein Abseits. Die Gleichstellung der Ligen ist jedoch schon lange nicht mehr gegeben. Die Headsets gibt es nur in den Profiligen. In manchen Amateurligen werden vom Verband nicht einmal Assistenten bereitgestellt und ist der Hauptschiedsrichter (auch bei Abseitsentscheidungen) auf sich allein gelassen – was eine weitaus stärkere Ungleichberechtigung darstellt als ein Videobeweis. Daher sehe ich es auch als kein Problem an, das Instant Replay nur in ausgewählten Bewerben anzuwenden. Wie gesagt: die Regeln werden dadurch nicht verändert.
Behauptung: Die FIFA argumentiert weiter, die Spieler machen im Spiel Fehler, daher sollen/können auch die Schiedsrichter Fehler machen.
Gegendarstellung: Ein Spieler kann einen Fehler, der eventuell sogar zu einem Gegentor führt, selbst ausbessern. Ein Schiedsrichter kann seinen Fehler nicht mehr später korrigieren.
Behauptung: Der Spielfluss wird gestört – die Entscheidungsfindung würde zu lange dauern.
Gegendarstellung: Hier wenden viele die Erfahrungen aus den US-Ligen NFL und NHL an und vergleichen somit Äpfel mit Birnen. In beiden Ligen wird mit Netto-Spielzeit gespielt und sind Unterbrechungen keine Besonderheit – auch aufgrund des Drucks der TV-Anstalten, ihre Werbeblöcke unterzubringen. Daher sind hier die Unparteiischen nicht unter Zeitdruck, laufen (bei der NFL) zur Seitenlinie um sich (meist weitaus kniffligere) Szenen anzusehen und zu beurteilen. In der NHL erhält der Headreferee telefonisch aus dem Headquarter in Toronto die Information.
Der Spielfluss beim Fußball ist nun schon mit den zahlreichen Verletzungspausen, Diskussionen mit dem Unparteiischen, Torjubel etc. unterbrochen. Eine Videoüberprüfung kann während des laufenden Spiels vorgenommen werden und erfordert keine Unterbrechung.
Beispiel A: Ein erzieltes Tor wird in der Tatsachenentscheidung als regelgerecht vom Schiedsrichter gewertet (z.b. das 1:0 von Argentinien).
Die durchschnittliche Zeit vom Tor bis zum neuerlichen Anpfiff beträgt aufgrund Torjubel etc. rund eine Minute. In dieser Minute kann die Aktion mehrfach überprüft und als korrekt oder regelwidrig gewertet werden. Es erfolgt keine grössere Verzögerung des Spiels als diese bereits ist.
Beispiel B: der Lampard-Treffer (Tor wird nicht gewertet, Spiel nicht unterbrochen).
Hier erfolgt während der nächstfolgenden Aktion im laufenden Spiel die Überprüfung und wird nach Information an den Hauptschiedsrichter das Spiel unterbrochen (dauert max. eine Minute). Nichts anderes passiert bereits jetzt, wenn ein Spieler verletzt am Boden liegt und ein Team nicht aus Fairplay den Ball ins Seitenout schiesst – der Schiedsrichter unterbricht eine laufende Aktion.
Als Beispiel dazu ist mir eine Situation in der NHL in Erinnerung, in welcher die Philadelphia Flyers heuer in den Playoffs ein reguläres Tor erzielten, welches jedoch in der Tatsachenentscheidung nicht gegeben wurde und das Spiel daher nicht unterbrochen wurde. Erst rund zwei Minuten später erfolgte eine Unterbrechung, woraufhin der Videobeweis angefordert und das Tor als „Good Goal“ gewertet wurde. Das ist für mich Sinnbild von Gerechtigkeit.
Behauptung: Was passiert, wenn nun beim Lampard-Treffer Neuer wie beim 1:0 gleich auswirft und Klose das Tor schiesst.
Gegendarstellung: Der Lampard-Treffer wird als regulär anerkannt und somit alle folgenden Aktionen als nichtig erklärt.
Was passiert, wenn aus einer Abseitsposition ein Eckball erspielt wird und dieser zu einem Tor führt?
Wird wie bei der Vorteilsregelung ausgelegt. Das Tor wird nicht gegeben und das Spiel geht mit Freistoß weiter.
Verändert sich die Leitung des Spiels durch das Schiedsrichter-Gespann?
Natürlich, aber meines Erachtens nur zum Positiven. Einerseits weiß der Schiedsrichter, dass er eine höhere Instanz über ihm hat, die ihn unterstützt. Dies nimmt ihm den Druck. Andererseits können vor allem Assistenten die Abseitsregelung „Im Zweifel für den Angreifer“ dann auch tatsächlich dergestalt auslegen, da er im Falle eines Fehlers korrigiert wird. In der Praxis wird ja aktuell aus Angst vor einem Abseitstor immer im Zweifel für den Verteidiger gepfiffen.
Für mich persönlich führt kein Weg am Video-Beweis vorbei. Durch eindeutig falsche Torentscheidungen wird ein Spiel zu sehr maßgeblich beeinflusst. Es würde andererseits jedoch zu weit führen, jede Szene (Foul, gelbe Karten, rote Karten, Freistöße, etc.) zu überprüfen – da diese keinen unmittelbaren Einfluss auf das Spiel nehmen und vom Schiedsrichter entsprechend bewertet werden.
Als weitere Lektüre kann ich jedem auch den Beitrag von Blog-Legende Kai Pahl ans Herz legen.